Von Grenzern und Gulaschkanonen

Von David Donschen

Der 73-jährige Mewes steht am alten Kontrollturm am ehemaligen Grenzstelle Drewitz

Ewige Wartezeiten, Drangsalierungen, Buckelpisten – West-Berliner mussten einiges ertragen auf dem Transit Ost. Gerd Mewes war drei Jahrzehnte auf DDR-Straßen unterwegs. Und berichtet an alter Stätte über die Schikane am Grenzübergang.

Gerd Mewes fällt es schwer, sich zu orientieren. Mit einem alten Lageplan in der Hand sucht er nach einem Fixpunkt. Doch außer einem Kommandoturm erinnert hier nichts mehr an die Grenzanlage aus Beton und Wellblech. Hunderte Male stand der Möbelpacker aus West-Berlin hier mit seinem Lastwagen. 30 Jahre war die DDR-Grenzstelle Drewitz für ihn Anfang und Ende des „Abenteuers Transit Ost“. Die Abfertigungshallen sind längst Motels gewichen. Wo einst Hammer und Zirkel gehisst wurden, flattern nun die Fahnen eines Gewerbegebiets.

Seit 1960 transportierte Mewes Wohnungs-, Büro- und Botschaftsmobiliar über die Transitstraßen aus West-Berlin in die Welt und von dort wieder zurück. Auf jenen DDR-Autobahnen und Landstraßen, welche die Insel West-Berlin mit der BRD verbanden. Und auf denen die sozialistische Führung bis zum Transitabkommen 1971 BRD-Bürger drangsalierte.

20 Stunden Wartezeit: Impressionen von der Grenzstelle Drewitz/Dreilinden

„Bum-Bum. Bum-Bum. Stundenlang ging das so. Furchtbar“, sagt der 72-Jährige und umklammert dabei das Lenkrad des Kleinwagens. Wie einst, als er sich auf den maroden Straßen der DDR am Steuer des Möbelwagens festhalten musste, um nicht mit dem Kopf gegen die Decke zu stoßen. Bum-Bum – der Rhythmus des Transits.

Spießrutenlauf am Grenzübergang

Umzüge von und nach West-Berlin wurden allesamt von Berliner Unternehmen gemacht. „Westdeutsche Spediteure hatten Angst vor der Schikane“, erzählt Mewes nicht ohne Stolz. Und Schikane erlebte er genug.

LKW wird von zwei DDR-Grenzern an einer Kopframpe am Grenzübergang Drewitz überprüft

Kontrolle eines LKWs an der Kopframpe in Drewitz 1960.

Dem Spießrutenlauf an der DDR-Grenze ging stets die gleiche Frage voraus: Haben Sie gefährliche Gegenstände mit dabei? „Jedes, wirklich jedes Mal haben die DDR-Grenzer das gefragt“, erzählt Mewes.

„Am Schlimmsten aber war das Kommando: Kopframpe.“ Abgeschirmt von den Blicken der anderen Transitfahrer hieß es dann: Ausladen. Offiziell zur Überprüfung des Warenbegleitscheins, auf dem das Transportgut haarklein aufgelistet war. Wenn Mewes und seine Kollegen Glück hatten, mussten sie nur die Mitte der Ladefläche ausräumen, damit die DDR-Grenzer den Möbelwagen inspizieren konnten. Nach 20 Stunden Wartezeit an der Grenze war aber auch das nervenaufreibend. „Einen einzigen Zöllner für Möbelwägen hatten sie“, berichtet Mewes nüchtern. Als gebürtiger Spandauer gehörte die innerdeutsche Grenze für ihn zum Alltag.

Besonders penibel waren die Genossen bei Büchern. „Politische Literatur haben wir gar nicht erst in den LKW gepackt. Die hatten aber auch Probleme mit alten Atlanten, in denen Königsberg noch als Teil des Deutschen Reichs drin war.“ Wenn den Grenzern ein Buch nicht passte, drohte die Beschlagnahmung des ganzen Transporters. Im Berliner Senat gab es damals extra eine Stelle, welche die zu transportierenden Bücher mit Listen unerwünschter Literatur in der DDR abglich. Diese mussten dann per Luftfracht transportiert werden.

Hintergrund
Erst durch das deutsch-deutsche Transitabkommen von 1971 nahmen die systematischen Behinderungen im Transit ab. So durfte die DDR nur noch in Ausnahmefällen PKW inspizieren. LKW wurden nun durch den BRD-Zoll geprüft und verplombt. Durchsuchungen waren nur bei begründetem Verdacht etwa von Fluchthilfe erlaubt. Als Gegenleistung überwies die BRD zwischen 1972 und 1989 rund 10 Milliarden DM für Transitnutzung und Ausbauarbeiten der Transitwege an die DDR.

Die DDR nutzte die Transitstraßen als Druckmittel im politischen Gezerre um Berlin und machte die Strecken immer wieder für BRD-Bürger dicht. Etwa aus Protest über die Wahl des Bundespräsidenten in Berlin oder eine angesetzte Plenarsitzung des Bundestags in der BRD-Exklave. Während die Abgeordneten ohnehin ungehindert per Flugzeug nach Berlin einreisten, stand Mewes 36 Stunden auf einem Rastplatz in Perleberg. Wenn schon die politische Klasse der Bundesrepublik nicht greifbar war, so doch wenigstens stellvertretend ihre Bürger auf dem Weg nach West-Berlin. „Da kamen sie aber mit der Gulaschkanone und haben Erbsensuppe verteilt. Das muss man ihnen lassen.“

Der Möbelpacker Mewes war so etwas wie ein immer wieder auftauchender Statist in der deutsch-deutschen Geschichte. Er brachte das Büroinventar aus Bonn nach Ost-Berlin, als die BRD dort ihre ständige Vertretung eröffnete. Und er „holte“ Wolf Biermann und Manfred Krug „raus“, als beide in der DDR nicht mehr erwünscht waren. Konkrete Erinnerungen an die Umzüge hat er nicht mehr. Auch wenn es hier um die Ausreise prominenter DDR-Bürger ging. Für Mewes war es schlichtes Tagewerk. Schrank bleibt Schrank.

Fahrerwechsel und Pinkeln bei voller Fahrt

Drewitz schaut in einen Autorückspiegel. Vor ihm die Autobahn

Mewes blickt zurück: "Ein Stein vom Herzen gefallen, wenn wir wieder zu Hause ankamen."

„Transit war Trennung von der DDR – und distanzierte Berührung“, beschreibt Büchnerpreisträger Friedrich Christian Delius seine Erlebnisse aus dem deutsch-deutschen Zwischenraum. Für Gerd Mewes blieb Transit Distanz. In den sechziger Jahren vermied er es ganz, an den für Transitverkehr freigegebenen Rastplätzen zu halten. Zu groß die Sorge, die DDR-Grenzer am anderen Ende der Strecke würden ihm beim Blick auf den Fahrtenschreiber aus der Pause einen Strick drehen. „Da haben wir auf der Strecke fliegenden Wechsel gemacht und wenn jemand auf Toilette musste, na ja, haben wir das halt während der Fahrt bei geöffneter Tür erledigt.“ Auch später, wenn er ab und zu in den Mitropa-Raststätten einkehrte, blieb er mit seinen Kollegen unter sich. Die DDR-Brummifahrer taten selbiges. Nicht auf Grund politischer Ressentiments, sondern in dem Wissen, dass die Staatssicherheit ein Auge auf all die hatte, die nur auf Durchfahrt sind.

Ein einziges Mal wollte Mewes die Fahrt durch den zweiten deutschen Staat nutzen und seinem Schwager in Greifswald Hallo sagen. „Keine zwei Minuten später waren die Vopos da und wollten, dass ich wieder umdrehe.“

Bei aller Gelassenheit, mit der Gerd Mewes die Drangsalierungen von einst schildert: Kurz vor der Stadtautobahn-Ausfahrt Messe West auf dem Weg zu seiner alten Spedition gesteht er: „Auch zehn Jahre nach dem Mauerbau ist mir immer noch ein Stein vom Herzen gefallen, wenn wir hier ankamen. Dann waren wir zu Hause.“

374.901 LKW


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